Shuniya - der Raum, in dem sich Gegensätze auflösen

30.04.2026

Das Ziel eines Kundalini-Yogis ist es, Shuniya zu erreichen – den Zustand innerer Stille. Shuniya ist der „schlaflose Schlaf“ der Yogis, die Null, die Gedankenleere, die Stille, in der Gegensätze gleichzeitig existieren (Sein und Nicht-Sein) und uns nicht mehr beeinflussen können. Alles, was ist, ist zugleich auch nicht. Diese Erkenntnis ermöglicht es, unpersönlich zu werden. In der Einheit ist die Nähe zum Göttlichen erfahrbar; in der Dualität zeigen sich Leid und Schmerz. Für den Verstand, der alles klar einordnen möchte, ist Shuniya schwer zu begreifen. Wie in Hamlets Rede „To be, or not to be, that is the question“ kennt der Geist nicht beides – Sein und Nicht-Sein – zur gleichen Zeit. In Shuniya jedoch wird genau dieser Zustand erfahrbar.

Was bedeutet es, zu sein und gleichzeitig nicht zu sein? Indem alles auf nichts, auf „Null“, reduziert wird, wird alles möglich – etwas Höheres kann durch den Menschen hindurchstrahlen. In diesem Zustand der Gedankenlosigkeit wird der Geist gereinigt, und das Ego verliert seinen Zugriff. Shuniya neutralisiert die Gegensätze im Inneren. Es ist zugleich ein Sein in der wahren Identität und ein Nicht-Sein im Ego. Es entsteht ein Vakuum, das sich für Unendlichkeit, Glückseligkeit und Wohlstand öffnet. So entsteht Kontakt mit der eigenen Seele und mit Ebenen, zu denen Verstand, Logik und mentale Strategien keinen Zugang haben. In Shuniya kann alles ins Bewusstsein eingeladen und zugelassen werden. Wenn auf unangenehme Emotionen und Gedanken nicht reagiert oder gegen sie angekämpft wird, sondern sie lediglich beobachtet werden, während immer mehr Entspannung eintritt, verwandelt sich alles, was blockierend und begrenzend erscheint. Alles, was bewusst oder unbewusst abgelehnt wird, verschwindet nicht. Im Gegenteil: Durch Ablehnung und Wegdrücken werden Anteile, die zum eigenen Wesen gehören, größer und übernehmen aus dem Unterbewusstsein heraus die Kontrolle. Der Ozean ist nicht immer still, sondern kann auch stürmisch und wild sein. In Shuniya wird erkennbar, dass alles, was ist, dazugehört und integriert werden kann. Dieser Prozess lässt sich sowohl im Inneren als auch im Außen in der Welt beobachten.


Der Zustand der Stille kann einfach und schnell über das zeitweilige Anhalten des Atems nach der Einatmung oder nach der Ausatmung erreicht werden. Den Atem zu meistern und dadurch den Geist zu kontrollieren, gehört zu den grundlegenden yogischen Techniken. Auf diese Weise wird das Nervensystem konditioniert, die Körpersysteme werden integriert, und auch unter starkem Druck entsteht mehr Zentrierung, um klare Entscheidungen treffen zu können. Über den Atem lässt sich ein Ausgleich zwischen Sympathikus und Parasympathikus herstellen – einem der wichtigsten Gegensatzpaare im Körper. Der Sympathikus entspricht dem Gaspedal: Energie wird in die Muskeln geleitet, um den Fight-or-Flight-Modus zu aktivieren. Der Parasympathikus entspricht der Bremse: In einem entspannten Zustand wird Energie für Verdauung, Ausscheidung und Regeneration genutzt.


Die Einatmung wirkt stärker auf den Sympathikus, während die Ausatmung den Parasympathikus intensiver beeinflusst. Unterschiedliche Atemübungen eignen sich daher, um Funktionsstörungen des Nervensystems auszugleichen. Bei einer Sympathikus-Dominanz besteht die Tendenz zu Dauerstress, Überaktivität und Schwierigkeiten beim Entspannen. Hier hilft der Fokus auf die Ausatmung, zum Beispiel durch Pfeifen, Chanten oder das Auspusten einer Kerze, um den Vagusnerv – den X. Hirnnerv und Hauptnerv des Parasympathikus – zu aktivieren. Bei einer Parasympathikus-Dominanz fällt es schwer, in die Gänge zu kommen; es besteht eine Neigung zu Depression und Lethargie. In diesem Fall eignet sich der Feueratem, der das System rasch mit viel Energie versorgt. Eine hervorragende Übung zum Ausgleich beider Systeme ist der 1-Minuten-Atem: 20 Sekunden einatmen, 20 Sekunden den Atem halten und 20 Sekunden ausatmen (für Einsteiger empfiehlt sich ein langsamer Beginn, zum Beispiel mit jeweils 5 Sekunden). Dabei ist es wichtig, Zwerchfell und Bauchmuskulatur nicht zu verspannen und lieber sehr behutsam zu starten. Bereits nach nur 3 Minuten ist die Wirkung dieser Übung deutlich spürbar: Die Gehirnhälften arbeiten besser zusammen, Sorgen und Ängste nehmen ab, Intuition entwickelt sich, und die Präsenz der eigenen Seele wird deutlich wahrnehmbar.


Durch bewusste Kontrolle des Atems lässt sich der gewünschte Zustand Shuniya zuverlässig und schnell erreichen. In diesem Zustand kann ein neuer Samen gepflanzt werden: Alte Muster und Gewohnheiten lösen sich, und aus dem höchsten Bewusstsein heraus kann etwas Neues etabliert werden. Durch die Verbindung mit der Stille und Neutralität des inneren Zentrums kann auch das Handeln in der äußeren Welt stärker daran ausgerichtet werden. Statt vom Ego geleitet zu sein, entsteht Kontakt mit einer höheren Weisheit, und Handlungen entspringen weniger dem Verstand und mehr dem Herzen. Wenn sich auf diese Weise innere Konflikte lösen, stellen sich im Außen ganz von selbst mehr Frieden, Freude und Glück ein.


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