Indien 2026 - Teil 1
Im Jahr 2018 war ich das erste Mal in Indien. Damals habe ich mir Delhi angeschaut und bin durch Südindien gereist. Trotz Müll, Dreck, Verkehrschaos, der allgegenwärtigen Armut und einer Lebensmittelvergiftung war ich bezaubert und "hooked". Nach 8 Jahren hat mich mein Weg endlich wieder dorthin geführt. "Geführt" ist wahrlich das richtige Wort, denn diese Reise entstand komplett intuitiv. Es stehen einige Orte in Indien auf meiner Liste "Places to see before I die". Zwei dieser Orte durfte ich besuchen: Tiruvannamalai im südindischen Tamil Nadu und Pune in der Nähe von Mumbai.
Der erste Teil meiner Reise führte mich nach Tiruvannamalai, eine Pilgerstadt am Fuße des Berges Arunachala, circa 4 Stunden mit dem Taxi von Chennai entfernt. Es gibt dort mehrere Ashrams - der bekannteste darunter wurde für Ramana Maharshi errichtet. Ramana verbrachte den Großteil seines Lebens in Tiru im Tempel, in Höhlen und im Ashram, wo er im Samadhi saß und Tausende von Menschen anzog. Allein seine Gegenwart muss eine starke Wirkung gehabt haben, so dass es den Menschen (und Tieren!) genügte, einfach bei ihm zu sein. Er schwieg die meiste Zeit, beantwortete aber Fragen, um den Menschen zu helfen. Er ist ein Vertreter des Advaita Vedanta, einer Weisheitslehre der Nicht-Dualität. Seine Methode ist die Selbsterforschung, um Unwissenheit und damit Leiden zu überwinden. Indem man sich mit dem Selbst befasst und sich fragt "wer bin ich?", kommt man zum Kern des Seins, frei von Gedanken, Emotionen und Leiden. Ramana wurde vom Arunachala, dem heiligen Berg, der Shiva personifiziert, angezogen. Die Energie des Berges ist enorm, ein starker Kraftort.
Ich nahm an einem Retreat teil, bei dem diese Methode eine elementare Rolle spielte. Es blieb auch genügend Zeit, im Ashram an Ramanas Samadhi (seinem Grab) und in den Höhlen zu meditieren - für mich die Orte mit der kraftvollsten Energie. Die Frequenz dort ist so hoch, dass tiefe Meditation einfach nur passiert. Es war unbeschreiblich, wie leicht es fiel, sich nicht mit den Gedanken und dem Körper zu identifizieren und einfach nur zu SEIN. Allein an diesem Ort zu sein, brachte mich so nah zu mir selbst. Ich bin voller Dankbarkeit, dass ich diese Erfahrung machen durfte.
Mir wurde bewusst, wie anstrengend mein Leben ist und wie sehr ich noch von äußeren Zwängen getrieben bin. Dies erschien mir auf einmal komplett absurd. Seit Jahren beschäftige ich mich intensiv mit dem Nervensystem, insbesondere dem Vagus-Nerv und der Wichtigkeit von Entspannung, Erholung und Regeneration. Dennoch ist der innere Antreiber immer noch sehr aktiv, der sich über Erfolge im Außen, über Leistung und Machen definiert und sich damit identifiziert. Warum strenge ich mich eigentlich so sehr an? Wer strengt sich an? Es ist ein kollektives Muster in unserem Land, seine eigenen Grenzen zu überschreiten, um anerkannt und geliebt zu werden von anderen. Der Preis ist hoch: wir entfernen uns immer mehr von uns selbst. An-STRENG-ung bedeutet Strenge und Härte gegen mich selbst. Doch das Leben an sich ist überhaupt nicht anstrengend. Der Atem fließt von selbst - es atmet mich. Der Körper ist ein Meisterwerk! Wenn wir ihn gut behandeln, arbeitet er einfach für uns; wir bekommen es nicht einmal mit. Es war so wohltuend, einfach einmal nichts zu tun, nichts zu müssen. Wir waren drei Tage in Stille und konnten so noch tiefer nach Innen gehen, Stille und Nichtstun kultivieren und dabei beobachten, was es mit uns macht. Auch wenn etwas schmerzt und nicht im Fluss ist: wenn wir es einfach nur beobachten ohne Wertung, identifizieren wir uns nicht damit - das ist Selbsterforschung.
Die Kleidervorschriften im Ashram sind sehr streng, v.a. für Frauen (das Gender-Thema ist auch sehr spannend und hat mich getriggert…). Als ich zum Meditieren den Ashram betreten wollte, wurde ich darauf hingewiesen, dass meine Hose zu kurz sei (sie ging nicht bis zum Knöchel, sondern nur unters Knie). Als ich mir dann noch einen Schal um die Hüften wickelte, durfte ich rein. Während der Umrundung von Ramanas Samadhi (die Pilger umrunden sein Grab als Form der Meditation), wurde ich von einer westlichen Frau erneut auf meine unpassende Kleidung hingewiesen. Diese Bemerkung hat mein Nervensystem in Alarmzustand versetzt. Es kamen innere Vorwürfe ("ich habe was falsch gemacht"), Angst ("werde ich nun rausgeworfen") und Scham ("alle beobachten mich"). Früher hätte mich das aus der Meditation herauskatapultiert und ich wäre wahrscheinlich gegangen. Dieses Mal habe ich diese inneren Vorgänge einfach beobachtet - als ganz normale Funktionsweise des Nervensystems. Dies ermöglichte es mir zu bleiben, ruhig zu werden und die Meditation zu vertiefen. Es geht genau darum, in unangenehmen Situationen nicht herauszufallen. Dies konnte ich dann auch wunerbar im chaotischen Straßenverkehr auf dem Heimweg nutzen.
Bei all der inneren Selbsterforschung war auch das Umfeld sehr heilsam: gemeinsame Satsangs (Zusammenkommen in Wahrhaftigkeit), Meditation, Yoga, Essen, Kirtan und Ausflüge. Besonders beeindruckend war die Pradakshina, die Umrundung des Arunachala in der Vollmondnacht inmitten von ca. einer Million Pilgern. Die Inder gehen die 14 km barfuß; das hätten meine Füße nicht mitgemacht. Ich versuchte während der Wanderung, mit dem Mantra "Om Namah Shivaya" in der Meditation zu bleiben. Es gab viele Ablenkungen durch Stände, hupende Zweiräder, die sich in beide Richtungen durch die Menschenmenge zwängten. Alle Tempel waren geöffnet und luden ein, sich einen Segen abzuholen. Es war ziemlich wild, wie ein Volksfest und eine wahre Challenge fürs Nervensystem durch die Menschenmassen, aber dennoch eine wunderbare Erfahrung. Es gibt in Tiru gefühlt an jeder Ecke einen Guru; wir besuchten den Darshan einer erleuchteten Frau, die mit Blumengirlanden behängt war. Das Publikum sang Mantras und bewarf sie mit Blüten, um ihren Segen zu empfangen. Es war eine seltsame Erfahrung, die nicht so ganz meine cup of tea war.
Die Zeit in Tiru hat mich in die Stille meines innersten Kerns geführt und mich mit der tiefen Erkenntnis verbunden: wenn ich der Freude folge, wenn ich in den Kontakt mit mir gehe und in mir mit dem All-Einen und diesem vertraue, mich dem Flow überlasse und mitschwimme und dabei hellwach bleibe, kann mir nichts passieren. Es gibt noch so viel zu berichten - Teil 2 folgt!
